Die Distelbohrfliege Urophora cardui

Fliegen sind mit Abstand die häufigsten Insekten – und sie gehören zu den unbeliebtesten. Der Grund dafür ist, dass uns ein paar wenige der mehreren Tausend in Schleswig-Holstein lebenden Arten manchmal lästig werden. Von den verbleibenden, meist ein sehr unauffälliges Leben führenden sehen wir uns diesen Monat mal eine häufige Art an, die nicht nur hübsch ist, sondern auch ganz aparte Wohnungen bauen lässt.

Um sie draußen zu finden, brauchen wir nur eine bestimmte Pflanze zu suchen, die in ihrer Beliebtheit beim Menschen den Fliegen nur wenig überlegen ist: Die Acker-Kratzdistel. Diese pieksige Wildblume wird meist schon als Unkraut ausgerupft, bevor sie überhaupt eine Chance hat, zu blühen – dabei ist ihre Blüte ein starker Magnet für Schmetterlinge, Hummeln, Schwebfliegen, Bockkäfer und so weiter und an ihren Blättern knabbern Blattkäfer, Raupen und andere Pflanzenfresser. Eigentlich also eine wunderbare Pflanze!

Die Distelbohrfliege lebt nun nicht auf den Distelblättern oder den Blüten – sie macht es sich im Innern gemütlich, zumindest in ihrer Jugendzeit. Das Weibchen legt seine Eier nämlich in den Stängel, und zwar bis zu 14 Stück pro Pflanze. Damit die Larven nicht unter Platzangst leiden müssen, verformt sich ein Bereich des Stängels nun zu einer oft zitronen- oder kugelförmigen Verdickung, die bis zu 5 cm lang und 2 cm dick sein kann. Befindet sich die Galle am Haupttrieb der Distel, so sieht diese nun ein bisschen so aus, als hätte sie versehentlich einen Stein verschluckt, der im Hals steckengeblieben ist. In Wirklichkeit hat sich hier aber eine Pflanzengalle gebildet, wie sie auch Gallwespen und andere Insekten hervorrufen. Darin leben die Distelbohrfliegenlarven und ernähren sich von den Pflanzenzellen. Hier überdauern sie auch den Winter und verpuppen sich schließlich, wenn sie sich sattgefressen haben. Erst im nächsten Frühling schlüpfen die erwachsenen Bohrfliegen – wenn der getrocknete Distelstängel nicht zwischenzeitlich abgemäht wurde. Insofern sind Distel-Bohrfliegen vor allem dort zu finden, wo nicht jährlich gemäht wird, also zum Beispiel auf mehrjährigen Brachen oder in schwer zugänglichen Bereichen. Lass doch mal deine Disteln stehen, wenn sie a) als Feind aller Barfüße aus dem Boden gekrochen gekommen sind, b) kurz vor der Samenreife stehen und gewillt sind, Tausende von Nachkommen in der Umgebung zu etablieren und c) wenn sie als trostloser graubrauner Stängel den Nachbarn ein Dorn im Auge sind. Wenn du dich traust. Die Distelbohrfliege wurde übrigens sogar nach Nordamerika eingeführt, um dort die versehentlich eingeschleppte Ackerkratzdistel zu bekämpfen.

Bohrfliegen (Tephritidae, englisch fruit flies) sind eine artenreiche Familie mit ein paar weltweit bedeutenden Gegenspielern des Obstbaus, vor allem im globalen Süden. In Deutschland leben etwa 110 Arten, von denen die meisten auffällig gemusterte Flügel besitzen, ansonsten aber vollkommen unauffällig sind. Die Distelbohrfliege ist dabei gut anhand ihres breit-schwarzen Ms von ihren Verwandten zu unterscheiden. Mit ihren etwa 5-6 mm Körperlänge ist sie auch noch gut zu entdecken. Ihre Flugzeit erstreckt sich von Mai bis August – die Gallen sind an alten Stängeln aber das ganze Jahr über zu finden! Übrigens: Sie ist nicht die einzige Bohrfliegenart, die an Disteln lebt, sondern tatsächlich nur eine von mehreren. Sieh also genau hin, wenn du eine findest – nur die mit der schwarzen Möwe auf den Flügeln ist Urophora cardui. Und jetzt: Ab in die Disteln, Fliegen beobachten!