Libelle des Jahres

Seit 2011 wählen die Gesellschaft für deutschsprachige Odonatologen (GdO) und der BUND die "Libelle des Jahres", um auf die Vielfalt dieser besonderen Insektengruppe und ihre Gefährdung aufmerksam zu machen. Im Laufe ihres Lebens besiedeln Libellen völlig unterschiedliche Lebensräume. Die Larven entwickeln sich im Wasser und jagen andere Lebewesen passender Größe, von verschiedenen Insekten- und Krebsarten bis zur Amphibienlarve und anderen Libellenlarven. Die geschlechtsreifen (adulten) Libellen erobern hingegen den Luftraum und sind während ihrer Reifezeit in verschiedenen Landlebensräumen zu finden, um dann in der Paarungszeit wieder an die Gewässer zurückzukehren.

Die Kleine Pechlibelle ist vom fortschreitenden Klimawandel besonders betroffen, da sie bevorzugt frische entstandene Gewässer (Pioniergewässer) besiedelt, in denen konkurrenzstärkere Libellenarten fehlen. Diese oftmals recht flachen Gewässer trocken durch die zunehmenden lang anhaltenden Trockenperioden im Frühjahr und Sommer immer öfter und schneller aus, so dass die Larven der Kleinen Pechlibelle es nicht mehr rechtzeitig schaffen, ihre Entwicklung abzuschließen.

Eine weitere Besonderheit ist die Färbung der Weibchen, welche sich im Laufe ihrer Entwicklung verändert. Frisch geschlüpfte und damit unverpaarte Weibchen leuchten weithin sichtbar orange, um dann mit fortschreitendem Alter unscheinbar graugrün zu werden.

Kleine Pechlibelle Ischnura pumilio (Charpentier, 1825)

Mit 2,5 bis knapp 3 cm Gesamtlänge ist die Kleine Pechlibelle eine der kleinsten heimischen Libellen. Die Männchen haben ein sehr kurzes, zweifarbiges schwarz-weißes Flügelmal im Vorderflügel. Kopf, Brust und Hinterleib sind, von oben gesehen, überwiegend schwarz, nur das letzte Drittel des achten Hinterleibssegments und das neunte Hinterleibssegment leuchten blau. Bei uns ist die Art vor allem mit der Großen Pechlibelle zu verwechseln, bei der jedoch lediglich das achte Hinterleibssegment blau gefärbt ist. Die Weibchen sind in den ersten Tagen nach dem Schlupf unverwechselbar orange, später grün oder (seltener) blau gefärbt. Dabei sind die Hinterleibssegmente acht bis zehn oben schwarz, im Gegensatz zu den Weibchen der Großen Pechlibelle, bei denen der achte Hinterleibsabschnitt heller gefärbt ist.

Die Kleine Pechlibelle ist vor allem im Bereich der Geest und des Östlichen Hügellands zu finden, dort kommt sie vereinzelt und mit einer geringen Anzahl an Fundpunkten vor. Außerdem sie typisch für die Dünengewässern der Nordfriesischen Inseln und der Ostsee.

Die Larvalentwicklung dauert ein Jahr, in einigen Jahren schlüpft wahrscheinlich eine zweite Generation im Sommer. Dies kann aus der zweigipfeligen Flugkurve mit einem Maximum im Mai/Juni und einem zweiten im Juli/August geschlossen werden. Die letzten Tiere sieht man in einigen Jahren im September. Ein Teil der frisch geschlüpften Tiere hält sich in der Nähe des Entwicklungsgewässers auf, andere wandern ab. Die Reifungszeit dauert maximal zwei Wochen. Geschlechtsreife Männchen nutzen aus dem Wasser ragende Pflanzenteile, den Boden oder Algenwatten als Sitzwarten und verteidigen diese gegen andere Männchen. Ankommende Weibchen werden zur Paarung ergriffen, diese kann dann bis zu sechs Stunden dauern. Danach fliegen die Weibchen auf der Suche nach Eiablageplätzen innerhalb der Pflanzenbestände dicht über dem Wasser. Sie legen die Eier ohne Begleitung des Männchens vor allem in aufrecht stehende Stängel und Halme, gelegentlich auch in Wurzelballen oder ins Wasser hängende Teile von Uferpflanzen bzw. in schwimmende Halme oder Blätter.

Die Kleine Pechlibelle ist eine typische Pionierart neu angelegter Tümpel und Teiche. Dabei handelt es sich vor allem um flache, besonnte Kleingewässer mit wenig Bewuchs (z. B. aus niedrigwüchsigen Binsen), Die Art kann aber auch an stärker bewachsenen Gewässern vorkommen, verschwindet aber bei zu dichten Pflanzenbeständen und Beschattung durch Gehölze. Die Larven leben am Gewässergrund, in Algenwatten, zwischen den Wasserpflanzen oder an ins Wasser hängenden Uferpflanzen. Sie können sich auch im Brackwasser entwickeln.

Die Kleine Pechlibelle steht in Schleswig-Holstein auf der Vorwarnliste. Als Gefährdungsursachen sind Nährstoffeintrag in die Fortpflanzungsgewässer, Zunahme der Wasserpflanzenbestände und der Beschattung sowie Austrocknung der Entwicklungsgewässer aufgrund von Klimawandel zu nennen.

Kleine Pechlibelle
Ischnura pumilio
© A.Bruens
Körperlänge18 mm
Vorderflügellänge 22 mm
Länge Larven3cm
Exemplare in S-H250.000
Alter MAX3 Wochen
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Literatur

  • ARBEITSKREIS LIBELLEN SCHLESWIG-HOLSTEIN (Hrsg.) (2015): Die Libellen Schleswig-Holsteins. – Natur + Text, Rangsdorf.
  • BROCHARD, C.; D. GROENENDIJK; E. VAN DEN PLOEG & T. TERMAAT (2012): Fotogids Larvenhuidjes van Libellen. – KNNV Uitgeverij, Zeist.
  • BROCKHAUS, T. & U. FISCHER (2005): Die Libellenfauna Sachsens. – Natur + Text, Rangsdorf.
  • BROCKHAUS, T.; H.-J. ROLAND; T. BENKEN; K.-J. CONZE; A. GÜNTHER; K.G. LEIPELT; M. LOHR; A. MARTENS; R. MAUERSBERGER; J. OTT; F. SUHLING; F. WEIHRAUCH & C. WILLIGALLA (Hrsg.) (2015): Atlas der Libellen Deutschlands. – Libellula Supplement 14.
  • LANGE, L. (2003): Die Kleine Pechlibelle Ischnura pumilio (Charpentier, 1825) und die Speer-Azurjungfer Coenagrion hastulatum (Charpentier, 1825) – zwei für die Marschen des Kreises Steinburg seltene Libellenarten. – Bombus 3 (55-57): 217 - 218.
  • RIVERA, A. C. & J. A. A. ABAD (1999): Lifetime mating success, survivorship and synchronized reproduction in the damselfly Ischnura pumilio (Odonata: Coenagrionidae). – International Journal of Odonatology 2 (1): 105 - 114.
  • DIJKSTRA, K.-D. B. & SCHRÖTER, A. (Hrsg.) (2021): Libellen Europas. Ein Bestimmungsführer. – Haupt-Verlag, Bern. (überarbeitete Neuauflage)  
  • STERNBERG, K. & R. BUCHWALD (Hrsg.) (1999): Die Libellen Baden-Württembergs. Band 1: Allgemeiner Teil, Kleinlibellen (Zygoptera). - Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart.  
  • WILDERMUTH. H. & A. MARTENS (2019): Die Libellen Europas. Alle Arten von den Azoren bis zum Ural im Porträt. – Quelle & Meyer, Wiebelsheim.

Text: A. Bruens